Die Entscheidung über die individuelle Behandlung sollte von dem behandelnden Arzt bzw. der behandelnden Ärztin zusammen mit den Betroffenen und ihrem Umfeld getroffen werden. Dieser Ansatz, der sowohl auf medizinischem Fachwissen als auch auf den persönlichen Werten und Vorlieben der Betroffenen basiert, heißt „Shared Decision Making“.
Eine ADHS tritt häufig in Begleitung von einer oder mehreren weiteren Störungen oder Erkrankungen auf. Das Vorliegen dieser so genannten Komorbiditäten muss in den individuellen Behandlungsplan mit einfließen. In der Regel wird die Störung bevorzugt behandelt, die die Betroffenen am meisten einschränkt.
In den meisten Fällen wird eine ADHS ambulant und nur selten stationär, z.B. als Rehabilitation (Reha), behandelt.
Eine ADHS wird bei Kindern und Jugendlichen von entsprechend qualifiziertem Fachpersonal behandelt. Dazu zählen
- Facharzt/-ärztin (FA) für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
- Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:in
- Psychologischer Psychotherapeut mit Zusatzqualifikation für Kinder und Jugendliche
- FA für Kinder- und Jugendmedizin mit entsprechendem Fachwissen
Jugendliche ADHS-Betroffene an der Grenze zum Erwachsenenalter, also in der so genannten Transitionsphase, stehen häufig vor Schwierigkeiten: Der mit der Volljährigkeit verbundene Wechsel in ein anderes Gesundheits-Versorgungssystem und weitere Veränderungen im Leben, wie zum Beispiel ein Umzug zum Studium oder zur Ausbildung in eine andere Stadt, stellen ganz besondere Herausforderungen dar. Besteht die ADHS im Alter von 18 Jahren fort, und zwar mit einer Symptomatik, die die Betroffenen weiterhin im Alltag einschränkt, sollte eine lückenlose Weiterbehandlung sichergestellt sein. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Therapieadhärenz, also der Einhaltung der Therapieziele, die von Betroffenen und Behandelnden gemeinsam getroffen wurden. Darunter versteht man z.B. die regelmäßige Medikamenteneinnahme. Betroffene in der Transitionsphase stoßen hier oft auf Schwierigkeiten, etwa wenn ihr bisheriges Medikament im Erwachsenenalter nicht mehr zugelassen ist. Daher soll diesen Patient:innen eine Überweisung an qualifizierte weiterbehandelnde Fachkräfte angeboten werden. Dabei ist es wichtig, dass bisherige Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen ihre weiterbehandelnden Kolleg:innen umfassend informieren. Auch Betroffene selbst sollten intensiv über ihre Möglichkeiten aufgeklärt werden.
Weitere psychosoziale Interventionen bei ADHS
Bei Kindern mit einer ADHS im Vorschulalter wird primär bei deren Eltern bzw. Betreuungspersonen/Familie sowie Pädagog:innen angesetzt und es werden Schulungen und Beratungen bis hin zur Psychoedukation angeboten. So soll ihr Verständnis für die ADHS-Symptomatik verbessert und ihr Erziehungsverhalten optimiert werden. Ergänzend können auch für das Kind z.B. Trainings eingesetzt werden, in denen sie Handlungsabläufe im Alltag einüben oder ihre Spiel- und Beschäftigungsintensität verbessern.
Bei Kindern im Schulalter sowie Jugendlichen mit einer ADHS sind Elterntrainings sowie entsprechende Angebote für Lehrkräfte ebenso wichtig, um deren Verständnis für die ADHS und die Bedingungen für die ADHS-Betroffenen zu verbessern. Ziel dieser Familien- und Schulinterventionen ist es, Verhaltensprobleme und psychosoziale Beeinträchtigungen des Kindes oder des Jugendlichen sowohl zuhause als auch in Kindergarten/Schule zu vermeiden .
Zunächst ist es dabei wichtig, Eltern und Lehrkräften im Rahmen der Psychoedukation das entsprechende Wissen über die ADHS zu vermitteln. Spezifische Schulungen beinhalten oft Erklärungen zu Funktionseinschränkungen im motorischen Bereich und im Arbeitsgedächtnis (Gedächtnisteil zu kurzfristigen Informationsspeicherung). Die Auswahl der Techniken, die im Rahmen der Eltern- und Lehrertrainings vermittelt werden, hängt von der Situation und den spezifischen Bedürfnissen des Kindes ab. Einige Beispiele sind:
- Soziale, materielle oder Aktivitätsbelohnungen: Diese umfassen Lob, Ermutigung und Aufmerksamkeit bzw. kleine Geschenke, Spielzeug oder privilegierte Aktivitäten, wie etwa zusätzliche Spielzeit oder ein Ausflug, als Reaktion auf positives Verhalten. Soziale Belohnungen helfen, das Selbstwertgefühl zu stärken und positive Verhaltensweisen zu verstärken, während materielle und Aktivitätsbelohnungen einen unmittelbaren Anreiz bieten sollen, um das Verhalten zu wiederholen.
- Ignorieren geplanter Verhaltensweisen: Bestimmte Verhaltensweisen, die Aufmerksamkeit suchen oder geringfügig störend sind, werden bewusst ignoriert, um zu vermeiden, dass das das Verhalten des Kindes durch negative Aufmerksamkeit verstärkt wird.
- Logische Konsequenzen: Diese sind direkte Folgen, die logisch mit dem Verhalten verbunden sind. Zum Beispiel kann ein Kind, das sein Spielzeug nicht aufräumt, dieses für eine bestimmte Zeit nicht benutzen. Logische Konsequenzen sollen Kindern helfen, die Folgen ihres Handelns zu verstehen und Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen.
Bei Erwachsenen mit einer ADHS richten sich psychosoziale Interventionen hauptsächlich an diejenigen Betroffenen, deren Diagnose erst im Erwachsenenalter gestellt wurde und die keine medikamentöse Behandlung erhalten. An erster Stelle steht hier die Psychoedukation, die ein adäquates Krankheitsverständnis vermitteln soll. Daneben gibt es weitere Techniken, mit denen erwachsene ADHS-Betroffene ihren Alltag besser meistern können: Zur Verbesserung des Zeitmanagements und der Organisationsfähigkeiten bei ADHS kann die Metakognitive Therapie, eine Erweiterung der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), angewendet werden. Auch Fertigkeitentrainings basieren auf der KVT und werden eingesetzt, um die Kontrolle über die ADHS-Symptomatik zu verbessern und eine Emotionsregulation zu ermöglichen. Auch ein Coaching kann ergänzend in Anspruch genommen werden, um Erwachsene mit einer ADHS dabei zu unterstützen, die eigenen Stärken zu identifizieren und zu nutzen, sowie ihre Alltagsaufgaben zu meistern.
Ziel der medikamentösen Behandlung einer ADHS ist es, die ADHS-Symptome zu reduzieren, sodass Betroffene im Alltag dadurch weniger eingeschränkt sind. In wissenschaftlichen Studien erzielte die Pharmakotherapie bessere Effekte auf die ADHS-Symptomatik als psychosoziale Interventionen.
Vorsicht: Die Medikamentengruppe der (Psycho-)Stimulanzien fällt unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Deren Einnahme kann daher mit bestimmten Einschränkungen (zum Beispiel auf Reisen) verbunden sein.
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Eine medikamentöse ADHS-Therapie sollte gründlich überwacht und regelmäßig evaluiert werden. Vor Beginn sollte der Patient bzw. die Patientin erneut körperlich und neurologisch untersucht werden, und es muss ausgeschlossen werden, dass eine weitere Erkrankung, wie etwa eine Herz-Kreislauf-Erkrankung vorliegt, die mit den ADHS-Medikamenten wechselwirken könnte. Bei jeder Dosis-Veränderung sollte eine engmaschige Überprüfung hinsichtlich unerwünschter Medikamenten-Nebenwirkungen erfolgen. Weiterhin sollte regelmäßig evaluiert werden, ob die Pharmakotherapie wirksam ist, und ob eine weiterführende Medikamenteneinnahme notwendig ist.
Bitte stimmen Sie Ihre Therapie immer individuell mit dem behandelnden Arzt bzw. der behandelnden Ärztin ab.
Cannabis soll für die Behandlung der ADHS nicht eingesetzt werden.
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EXA/DE/NS/0926