Hilfe – meine Liebste hat (auch) ADHS!

Part I: Im Sternenregen der Spiegelneuronen

Prélude

Dieser Text war eine schwere Geburt! Schon x-mal habe ich den Jetzt-Aber-Wirklich-Abgabetermin nicht eingehalten und stelle dabei fest, wie schnell die Ereignisse das Geschriebene überholen. Neue Aspekte, Erkenntnisse und Erfahrungen schwirren in diesen Text. Denn seit der ADHS-Diagnose meiner Partnerin lerne ich quasi täglich Neues über ADHS kennen – und über mich.

Man sieht sich im Anderen

Was ich? Wie du? Was wir aneinander und in uns erkennen, ist mitunter ein Tiefschlag in das idealisierte Wunsch-Selbst. Doch wie sehr es auch weh tun mag, fördert der Blick ins eigene Abbild Selbstbewusstsein und Wahrhaftigkeit. Das sind immerhin unsere stärksten Verbündeten, wenn es um die Bewältigung unliebsamer Situationen geht. Ob wir wollen oder nicht, gestalten wir das Leben kräftig mit. Nie sind wir chancen- und nur höchst selten willenlos. Wir glauben es nur zu gern.

Und nun entschließen sich zwei von unser Sorte aus Liebe spontan gemeinsam unter einem Dach zu leben. Die meisten der Horrorszenarios sind wahrscheinlich wahr! Unordnung, Chaos, Lärm, Verwüstung, noch mehr Krach und Ärger. Doch das alles perlt von uns ab, wenn es „im Kern“ stimmt. Wenn es „im Kern“ stimmt, ist mit der richtigen Einstellung alles möglich. Vor allem ein Leben in Liebe, die von Leidenschaft, Reibung und tiefster Verbundenheit geprägt ist.

ADHS besteht aus blinden und blauen Flecken

ADHS, so könnte man meinen, besteht aus blinden und blauen Flecken. Man bagatellisiert eigene Schwierigkeiten, betreibt gleichzeitig Schwarzmalerei der Gegenwart. Ganz zu schweigen von all den düsteren Vorannahmen über unsere Zukunft. Ohne ein uns liebendes Gegenüber fällt es uns schwer, das Blatt zu unseren Gunsten zu wenden. Wir spiegeln uns mitunter die kleinsten Stimmungsverlagerungen. Ein staubkorngroßes Missverständnis zwischen uns kann leider wie ein alles zerstörendet Meteorit die gute Atmosphäre vernichten. Diese Gefahr lässt sich nur umgehen, indem man bewusst staubfrei lebt.

Aus Fehlern lernen kann manchmal sehr zäh und langwierig sein. Leichter erscheint es dann z. B. aus der Not eine Tugend zu machen. Soziale Unangemessenheiten werden dann eben zum Herz auf der Zunge veredelt. Ob es sich dabei um mangelnde Veränderungsbereitschaft oder tatsächliches Unvermögen handelt, möge im Einzelfall geklärt werden. Natürlich ist es nicht immer leicht, Dinge wahr haben zu wollen. Aber es nützt nix, ein jeder von uns sollte tunlichst lernen, mit der Realität klar zu kommen.

Diagnose ADHS – ein Akt der Befreiung

Allein schon deswegen kann eine Diagnose wie ADHS ein Akt der Befreiung sein. Denn plötzlich ergibt endlich alles Scheitern einen Sinn, wird erklärbar und damit bestenfalls veränderbar. Zumindest erlaubt uns dies unser „Krankheitsbild“, welches ja viel mehr als eine „Mentalstruktur“ zu bezeichnen ist. Wer hat da eben „Schönfärberei!“ gerufen? Sie? Ja, vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag, Sie können jetzt gehen.

Mir ist bewusst, dass ich hier klassischer ADHS-Denke folge, gerade was das Reframing der eigenen Fehlbarkeiten angeht. Und wenn's hilft?
 

Mal ganz ehrlich, welcher erwachsene Mensch, der nicht bereits irgendwo „therapeutisiert“ wurde, räumt schon gern ein, durchschaubar zu sein? Oder die eigenen Impulse und Affekte kaum im Griff zu haben? Außerdem hat, wenn wir nicht gerade auf „Versinken im eigenen Hirnschlick“ geschaltet haben, eine gewisse Ungebremstheit gegenüber den eigenen Gefühlsausdrucken auch Vorteile. Man empfindet sie zudem als nur logische, weil authentische Reaktionen auf die dauerhafte Flut der Eindrücke, die unsere Welt ausmacht. Es lebt sich dann ganz ungeniert und lässig, heiß und innig, „einklängig“ und intensiv. Und lässt man sich im Flow mitreißen, können die unglaublichsten Sachen geschehen ...

ADHS?

Als meine Liebste und ich vor gut 2 Jahren in einem filmreifen, lebensveränderndem Love Stunt zusammenkamen, hatte dies die Dynamik eines Tsunami. Die Liebe war in unseren bebenden Herzen alles.

Beide verließen wir für einander die trittfesten Komfortzonen unserer bis dato autopilotartig mit unseren Ehepartnern beschrittenen, allerdings schon rettungslos ausgetretenen Pfade. Seit Dekaden waren dort das Unkraut und Gestrüpp zu undurchdringlichen Mauern gewachsen. Diese bildeten unbemerkt beklemmende Tunneln, die alles Licht schluckten und jedes Voran- oder Fortkommen unmöglich erscheinen ließen. Doch, nachdem wir uns im Licht an deren Enden erkannt hatten, ging's einfach schwupp ab durch die Hecke/Mauer. Einen Wimpernschlag später tauchten wir kopfüber in den Strom der Wollust der, direkt in den steten Fluss des Glücks und ins ewige Meer der Liebe floss. Dort barg ich die süße Katze im Sack und zog sie an Land. Der Rest ist Legende, es wird gekuschelt und entspannt, sofern sie nicht ihre Krallen ausfährt. Was manchmal eben passiert. 

Durch häufige Dispute begann das Forschen

Irgendwann waren wir uns einig: Es wurde zu oft, zu heftig gestritten! Ich hatte bzgl. ADHS von Anfang an mit offenen Karten gespielt (als gäbe es eine Alternative!!) und war ganz offensichtlich nicht alleinverantwortlich dafür. Eigentlich war ich sogar der aktiv beschwichtigende und deeskalierende Part der Beziehung. Ergo begannen wir zu forschen und im Alltag aufmerksamer zu sein. In schwachen und unachtsamen Momenten bedeutet das ärgerlicherweise empfindlicher. Unschöne Dispute folgten und sämtliche gute Vorsätze des Vortages waren dahin.

Aus allen Wolken gefallen hörte ich mich immer öfter murmeln: Ja spinnt die denn? Ja ist sie denn von allen guten Geistern verlassen? Sie kann doch nicht! Was soll denn das? Da war doch gar nichts, wann hört die blöde Streiterei wieder auf? Genau erst dann, wenn ihr *beide* damit einfach aufhört und euch auf eure Liebe rückbesinnt.

Leider kann es mitunter etwas dauern, bis sich Vernunft und Empathie ihren Weg zur Kommandozentrale der eigenen Selbstkontrolle durchgekämpft haben. Nun hockt der Ärger gut verschanzt stundenlang hinter den Frontallappen und mäht alles nieder.

Lebenszeit verplempern mit inhaltsleeren Wortgefechten

Leider verplempern wir Stunden um Stunden wertvolle Lebenszeit, indem wir über das Streiten oder/und die Beendigung des Streitens streiten, bis jeglicher Sachzusammenhang und alle Anstandsregeln ad absurdum geführt wurden. Niemals zuvor hat auf dieser Welt ein Liebespaar so viel Zeit und Energie mit de facto inhaltsleeren Wortgefechten verheizt.

Wir haben uns in fanatische Winkeladvokaten in eigener Sache verwandelt. Diese Aussagen folgen immer herrlich im Kreis, Schleife für Schleife, im ewigen Widerhall der Spitzfindigkeiten, so dass man irgendwann ganz kirre ist. Niemand weiß mehr, worum es hier eigentlich geht. Wer hier wem was nachweisen, belegen, vorwerfen, erklären oder sonst wie eindrücklich kommunizieren wollte!

Der ADHS-Beziehungsstress-Tsunami: Ein Spuk ohne Ende?!

Zum gefühlt hunderttausendsten Male geht es mit Karacho in die alten sinnentleerten Muster, von denen wir genau wissen, dass sie zu nichts führen. Leider ist dort ein konstruktives, auf gegenseitige Wertschätzung und Achtung basierendes Wir-Gefühl stets unerreichbar. Obwohl wir eigentlich genau dorthin wollen, wo wir sonst sind, wenn alles gut ist: Nämlich im selbst gewählten Paradies.
Stattdessen wüten Entwertung, Liebesentzug und der tragische Umstand, dass wir Menschen uns weniger an Fakten als an emotional verfärbte Interpretationen des Geschehens erinnern. Wir treiben die Eskalationsrutsche in jene Schlangengrube hinab, aus der später Scham und Schuldgefühl ihr Haupt erheben und uns anzischeln. Also, bitte immer dran denken:You are the paradise and not the snake!

Erfahrungen & Erkenntnis helfen

Oft fühle ich mich an mich früher erinnert. Als ich wie eine Flipperkugel durch mein Leben und das meiner liebsten Mitmenschen geschossen bin. Dank meiner zwischenmenschlichen Totalausfälle in der Vergangenheit und meinem Erleben heute, erkenne ich die Veränderung an mir. Erkenne die durchlaufene Entwicklung und neue Muster, die ich mir angeeignet habe, um Impulsivität, Getriebenheit und Negativitätspiralen die Stirn zu bieten.

Wenn ich z.B. merke, dass mir die Stimmung entgleist, kann ich formulieren, dass ich von meiner Partnerin gerade nur Nähe brauche. Eine Zugewandtheit, die mir zeigt, dass „im Kern“ alles gut ist. Eine Meinungsverschiedenheit muss keine Katastrophe sein, Kritik kein Trennungsgrund.

Des Weiteren kann ich *meistens* Entschuldigungen, Friedensangebote, Liebesbekenntnisse und andere Signale, die belegen, dass mein Gegenüber deeskalieren will, annehmen. Natürlich gelingt es auch trotz aller Probleme immer wieder ganz von selbst, friedfertig zu interagieren, so dass die Liebe nicht in Mitleidenschaft gezogen wird – kein Rückzug, kein Dichtmachen, kein Vorenthalten.

Ob man nun überfordert oder sozial ungelenk ist, niemand kommt daran vorbei, dass Anmaulen des Gegenübers nur Distanz schafft. Also das Gegenteil von Nähe und dem, was wir eigentlich wollen. Was macht man in so einer Situation? Genau, die Strategie ändern. Sollte man meinen. Es wandeln ein paar „Sturköppe by nature“ auf Erden, die ein derartiges Scheitern ignorieren und weitermachen wie bisher. Der Grat zwischen gesunder Selbstwirksamkeit und -benachteiligung ist oft schmal. Wer nichts Positives der Welt zu geben vermag oder glaubt, dies sei unmöglich, für den gilt: Destruction of the selfimage is the only solution.

Klingt radikal? Ist es auch. Und herrlich wirksam: Veränderung durch Erkenntnis und Lernen ist dem ADHS-Menschen nicht so in die Wiege gelegt wie anderen. Im Ausnahmezustand springt der Verstand leider nicht an, sondern das limbische System übernimmt das Kommando. Das muss nicht so bleiben. Wir müssen also nicht nur dringend umdenken, sondern erst mal runter und klar kommen, wie man so schön sagt.

Break. Pause. Durchatmen. Fortsetzung folgt.

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Während ich diese Zeilen tippe, befinde ich mich: im Urlaub, zwar zuhause, aber frei von morgendlichem Wecker-Diktat und allabendlicher, meist scheiternder „Schlafenszeitregulationszwangsmaßnahme“. Das ist ja schon mal die halbe Miete für ein freies, selbstbestimmtes Leben.


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Über mich

Hallo, mein Name ist Adam Beyer*. Ich bin Mitte vierzig und ich habe vor ca. 12 Jahren ADHS diagnostiziert bekommen. In diesem Blog erzähle ich über die Zeiten vor und nach der Diagnose.

Von meinem folgenden Text und den kommenden Blogtexten sind keine wie auch immer definierte „wissenschaftliche oder medizinische Darstellungen und Erklärungen“ zu erwarten, vielmehr jedoch ein aufrichtiges Bemühen um Wahrhaftigkeit. Ich schreibe, wie ich bin, wie ich fühle, wie es mir persönlich erging oder ergeht. Im Norden des Landes, im dörflichen Speckgürtel einer Kleinstadt, in der ich „meine“ berufliche Nische im sozialen Bereich gefunden habe, lebe ich als Teil eines unkonventionell gewachsenen „Patchwork-Geflechts“, meiner Familie.

* Der Name des Blog-Autors wurde zum Schutz der Person geändert.