ADHS & Stress

Hallo und herzlich willkommen im ADHS Blog zu einer weiteren kleinen Rundreise durch die rhizomen Labyrinthe meiner Mentalstrukturen zwecks "Erfahrbarmachung" hyperaktiver (Interpretation von ?) Lebenswirklichkeit; diesmal – energy flows where attention goes – direkt in den Kern unseres Existenzdilemmas, Thema Stress.

Tief geht es hinab in die Amygdala, Mutter des limbischen Systems, hier wird der Stress quasi (haus)gemacht, es wird – energy flows where, ach Sie wissen schon – also vielleicht auch etwas stressig für Sie.

Aber wenn der Umgang mit und das Aushalten von Stress nicht in irgendeiner Weise ein besonderes Thema in Ihrem Leben wäre, was machen Sie dann auf einem ADHS Blog? Wenn man sich auf einen einzigen Begriff einigen müsste, der das bunte organisch mäandernde ADHS-Spektrum noch am ehesten erfasst, wäre Stress wohl ganz weit vorn. Nicht nur, weil es sich auf ADHS reimt, sondern weil Stress in unserem Leben, sei es, dass wir ihn verursachen, sei es, dass andere ihn uns machen, allgegenwärtig ist.

Tag für Tag fräst er sich als Erfahrungswert in unseren Neurocode, füttert unsere immerwährende Alarmbereitschaft, die seismographisch sämtliche Veränderung und Abweichung vom Erwartbaren wahrnimmt und in enger Zusammenarbeit mit unserer Tagesform einschätzt, inwieweit dadurch unsere Kreise gestört werden und man eventuell den Rest des Tages – if it's not my plan, there is no plan, jawoll! – vergessen kann. Weil wir heute einfach mal nix mehr machen und uns lediglich die hässliche Existenz eines real gemacht werden wollenden Haushalts tapfer aus dem Sinn haltend in den eigenen vier Wänden gegen die böse Welt verschanzen müssen.

Die "Playse" wie einen Teddy im Arm, mit der anderen am Rockzipfel meiner Angebeteten zupfend, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass wahrscheinlich nur noch Liebelei uns heute Abend retten kann. Oder dass man sich übelsten falls gar um Schadenbegrenzung und Wiedergutmachung zu bemühen hat, Krisenmanagement statt Feierabend, hausgemachter "Dramaqueen-Exorzismus" statt Kuschelmarathon – so'n Schiet. Was'n Stress, kann nicht einfach mal nix sein?

Versuch einer Anti-Stress-Strategie nach ADHS-Art

Inzwischen weiß ich: Doch, das geht. Und zwar so: Medikation und vor allem Umdenken und -lernen, sich immer wieder „entframen“ und starr gewordene Denkmuster aufbrechen, Selbstbewusstsein entwickeln und die erkannten Schwächen und die Schnittstellenproblematik zu meinem Umfeld angehen, Einiges ändern, Anderes kultivieren, Manches einfach lassen.

Da für gewöhnlich, wenn man sich nicht drum kümmert, alle Tage nun einmal anders enden – und das auch noch anders als geplant! –, sollten die Tage zumindest doch gleich beginnen. Früher oder später kommen sie dann eh von der angenommenen "Idealverlaufskurve" ab, aus der Spur geworfen durch die in vielfältigen Darreichungsformen auftretenden Unwägbarkeiten, Stolpersteine, Fallstricke, Überraschungen und Katastrophen des Alltags. Spätestens dann ist: Stress.

Die Zeit läuft einem davon, die Kräfte schwinden angesichts einer schier endlos und unbezwingbar erscheinenden Zielgeraden, die Nerven liegen blank, die nächste Eskalation mit vermutlich völlig unbeteiligten, mir jedoch nahe stehenden guten und geliebten Menschen, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind (nämlich mir nahe) erscheint unausweichlich – ich höre das Gras wachsen, rege mich über die Fliege an der Wand auf, jede Laus, die hier auf Erden wandelt, ist mir bereits über die Leber gelaufen und alle können mir den Buckel runter rutschten. Weil einfach mal wieder gar nichts läuft, zumindest nicht so, wie ich will: worst case szenario!

In den persönlichen ADHS-Abgründen lauert der Stress – also überall

Beginnen wir mit Dingen, die am Abend noch da waren, jedoch am Morgen völlig überraschend verschwunden sein können, um sich dann entweder an ihrem Platz oder völlig woanders anzufinden, Zeitverlust / Abfahrtsverzögerung mind. 10-15 Min.:

Handy, Autoschlüssel, Schal, Mütze, Handschuhe, der eine Pullover mit dem Rollkragen, meine Zahnbürste, sämtliche Feuerzeuge des Haushalts, einer der Hunde, ein Schuh, die DVDs aus der Bücherei, der letzte vernünftige Gürtel, den ich noch habe – muss mal einen neuen kaufen, denke ich zum x-ten Male, muss ich mir endlich mal aufschreiben, sonst denk ich nie dran.

So verkläre ich mir die Situation eingedenk der zahl- und fruchtlosen Ein-bis-zwei-Produkte-Listen, die kurz nach Erstellung sofort von mir vergessen werden und zerknüllt in der Hosentasche landen. Meist finden sie ihr Ende im Schleuderwaschgang unserer gern mal auslaufenden Waschmaschine, um hiernach als lästige Zellstoffwiedergänger sämtliche betroffene Kleidungsstücke bis zum nächsten Waschgang untragbar zu machen. Immerhin sind sie weiter gekommen als jene verwaisten Möchtegern-Listen, die noch nicht einmal mehr vom Block abgerissen wurden – wenn sie nicht eh als Totgeburt komplett unleserlich irgendwo an den Rand einer Tageszeitung gekritzelt wurden, am besten noch mit sich in das Yellow-Press-Papier hineinsaugender Tinte, so dass ich auch auf jeden Fall blaue Finger bekomme, über deren Abdrücke man sich noch Tage später im Hause wundern darf.

Doch kann es zu Abweichungen bereits viel früher am Tage kommen, dramatischerweise bereits gleich nach dem Aufwachen. Als passionierter Lastminute-Aufsteher per natura hat man es nicht leicht. Das Klo ist wahrscheinlich besetzt, die Familie genervt, weil gleich meine allmorgendliche aller Nerven blank legende "Dingesuch-Arie" losgeht, dabei hätten sie, anstatt zu meckern, mir doch – das ist ja wohl das Mindeste, man weiß doch, dass ich es schwerer habe als sie - bereits alles zusammensuchen können! So postuliere ich innerlich in kurz aufflackerndem „Dandygehabe“ und wähne mich dabei noch im Recht, eine meiner leichtesten Übungen.

Ich wäre eine großartige Bienenkönigin, denke ich und meine Gedanken streifen ab in romantisch verklärend bizarre Bilder von mich warm, satt und sauber haltenden Drohnen, so dass ich ohne Ablenkung für nicht mehr und nicht weniger als den Fortbestand meiner Spezies sorgen kann. Eine äußerst ehrenwerte Aufgabe, die nur den progressivsten Modellen einer Spezies vorbehalten ist, denke ich, Krone der Schöpfung, in versonnener Selbstverherrlichung.

Da ist es mir auch schon gelungen, den ersten Socken anzuziehen – Socken und Unterwäsche sind jetzt kein Problem mehr, sie sind jetzt in der Kommode direkt am Bett, ein genialer Einfall meiner Frau, die lapidar meinte, alle würden das so machen. Tatsächlich? Und warum erfahre ich davon über 40 Jahre nichts und warum bin ich nicht von selber drauf gekommen??? Allerdings nicht, ohne diesen Vorgang zu unterbrechen, weil irgendetwas da irgendwo am grauen Morgenhorizont offenbar so sehr mein Interesse erweckt, dass ich in eine kurzzeitige "Ausdemfensterstarrtrance" falle, aus der ich souverän von meiner Liebsten mit einem Fingerschnippen vor meinem Gesicht und den Worten Adam, Beeilung, wir müssen jetzt los! auferweckt werde.

Aber ach, oh je, Formfehler. Das Wort jetzt bedeutet: jetzt, genau diesen Moment, an dem sie dies hier lesen, und nun ist jetzt auch schon wieder vorbei, und gleich kommt ein neues Jetzt, sehen Sie, was habe ich gesagt, aber lassen wir das. Na ja, fast.

Temporäre Pronomina – der Stress um die Bedeutung von Worten ...

Also, meine Frau, die sagt manchmal "Ich komme jetzt zu dir" und dann dauert es mehr als zwei Sekunden, also hätte sie sagen müssen "ich komme GLEICH zu dir". Ich weiß nicht, wie oft ich diese wirklich bedeutsame Thematik angesprochen habe, führt diese Thematik doch zu Stress pur, nämlich einer Nichttätigkeit, die die Autoren sensibles Nervenkostüm aber sowas von fertigzumachen vermag:
Warten. Die Hölle auf Erden.

Vergeudete Lebenszeit aufgrund von Nachlässigkeit und Geringschätzung anderer. Nicht hinnehmbar. Meine berühmt-berüchtigte Zeitschlamperei (Ich: Ach, der Abgabetermin war gestern? Leider – Schande auf mein Haupt – mögliche Antwort des Gegenübers: Nein. Gestern vor einem Monat.) ehrt mich nun auch nicht gerade, aber immerhin weiß ich:

Wer jetzt sagt, aber gleich erst kommt, hat nicht die Wahrheit gesprochen, basta! Und das macht nun wirklich Stress! Ich reagiere also sofort, indem ich, noch bevor wir ins Auto gestiegen sind, die diesbezüglich offenbar dringend notwendige Diskussion zu eröffnen mich nicht scheue, und erkläre in schriller, viel zu schneller Stimme, nervig lehrmeisterhaft, wie es wirklich ist, das Leben, die Wahrheit, das Universum und wir Menschen und alles, was irgendwie dazwischen geraten ist ...

Bis ich an den mitleidigen Minen meiner drei Liebsten, die souverän wie sie sind, nicht in den Konflikt gehen, sondern in Vogelperspektive locker darüber stehen, merke, wie total lächerlich ich mich mal wieder mache, so dass ich ad hoc den Nervmodus verlasse - eine Leistung evolutionärer Qualität will ich meinen. Obwohl ich an dieser Stelle zwingend auf folgendes wegweisendes Ereignis aus jungen Vaterjahren zu verweisen habe. Damals, als die Mädchen so vier waren (ich bin mit Zwillingen gesegnet), und ich aufgrund irgendeiner, inzwischen längst vergessenen unerwünschten Aktion ein Wort zum Sonntag zum Besten gab, welches von meiner einen Tochter mit den Worten "Papa, das ist jetzt zu doll, kannst aufhören, wir haben's ja verstanden" bedacht wurde.

... und andere Übertreibungen

Und was soll ich sagen, sie hatte natürlich Recht, und ich bat für mein mit Kanonen auf Spatzen schießen um Verzeihung. Und die Kinder lernten, Erwachsene können Fehler machen und eingestehen und aufgrund dessen ihr Verhalten nachhaltig korrigieren. Es stimmt wohl, wenn die Leute sagen, Pädagogik ist Liebe und gutes Beispiel. Um meine in Sachen abrupte Stimmungslagenwechsel gestählte geliebte Familie mit völlig anderer Tonalität zu fragen: He, kennt ihr dieses Lied schon? Das ist ja nun wirklich mal eins der besten Lieder der Welt!

Also, als ich das das erste Mal gehört hab, da war ich ja gerade in Bielefeld am Bahnhof, da steht also dieser Typ mit so'nem T-Shirt, wo ich von weitem schon dachte, na wenn das man nicht von der letzten Tour ist, also die wo, ob ihr's glaubt oder nicht, der zweite Rhythmusgitarrist wegen eines Zeckenbisses nicht mitkonnte, weshalb dann (der geneigte Leser möge an dieser Stelle Verständnis dafür haben, dass weite Teile des Monologs aufgrund von Empathie für ihn gekürzt wurden) na ja, das war ja damals im April 88, also das war ja überhaupt so'n Jahr für die Popkultur, dafür müsst ihr nur mal reinhören in, ach wartet, das kann ich ja schnell mal anmachen, von dem hier habt ihr ja jetzt den Refrain gehört und mir fällt gerade ein, dass diese andere Version, ich glaub live 89 Paris oder war es diese Doppel-LP, ja auch viel besser ist, weil sie diese eine Gitarre da so schön fies jaulen lassen an der Stelle, die gleich kommt, also Obacht! Jetzt! Gleich! Kommt! s i e ――

Funklöcher sind bei uns in der nordostniedersächsischen Tiefebene gang und gäbe. Als eine Nanosekunde vor der Klimax der heiligen Stelle des heiligen Liedes die Box verstummt, herrscht für ein paar Sekunden absolute Stille. Dann hallt durch die Wälder der Region ein Schrei, so markerschütternd und schrecklich, dass Hirsche, die auf Lichtungen äsen, stolz ihr Haupt erheben, um sogleich mit Füchsen, Eichhorn und Schwarzspecht Reißaus zu nehmen.

Wenn das Leben an sich schon Stress bedeutet ...

Klingt irgendwie lustig und verspult? Ist aber in Wirklichkeit überhaupt nicht lustig, das sind Aggressions- und Gewaltausbrüche nie. Denn eigentlich käme hier wortgebirgig der ernste Teil über die Crux mit dem Stress, und wir wären auf all die so genannten Komorbiditäten gekommen, die man sich im Laufe eines Lebens anlachen kann.

All das impulsive, oppositionelle, abweichende, mitunter riskante oder gar juvenile Verhalten, Drogen- und Verhaltenssüchte, Paraphilien, Depression, Todessehnsucht, Suizidgedanken, Selbstzerstörung, Armut, soziales Scheitern, Ausgrenzung, Rückzug, Isolation und Vereinsamung, trotzdem niemals Ruhe oder Pause, kein Ankommen, kein Stehenbleiben, keine Ziele, nur unerfüllbare Wünsche, kein Plan, konfliktbehaftet jeder Lebensbereich, jeder private Kontakt, jeder Job, alles immer auf der Kippe, die eigene Existenz rast sehenden Auges auf der Überholspur ungebremst auf den Abgrund zu oder die Wand, an der man früher oder später zwangsläufig zerschellen wird.

Wenn nichts klappt und alles immer Kampf ist und du den Bach runter gehst, um hiernach unter noch schlechteren Bedingungen wieder von vorn anfangen zu müssen - „Mensch ärgere Dich nicht“ versinnbildlicht in dieser Hinsicht übrigens wohl am ehesten die entfremdete Welt aus ADHS-Sicht ...

Wie bescheuert rennt man im Kreis, will unbedingt Erster sein und wertet es als Erfolg, wenn man seine Leute aus der Bahn geworfen hat ... doch egal, wie sehr man sich reinhängt, am Ende ist alles halt doch nur Glückssache, abhängig von Zahlen, auf die man keinen Einfluss hat, erkennt man irgendwann, wir sind alles Mögliche, sicher aber nicht zum Arbeiten oder "gemein sein" geboren, all das Placken, die Mühsal, die Ellenbogen, die Selbstverleugnung zugunsten der Konvention.

... kann die Liebe ein Heilversprechen sein

Erschütternd viele Leute haben ja noch nicht einmal den Sex, den sie gern haben würden! Obwohl dies ja von allen sozialen Interaktionen und Kulturtechniken die verbindendste und sinnstiftendste, weil sinnlichste und archaischste und – um den Fortbestand unserer Spezies zu sichern – nützlichste, sinnvollste und relevanteste Betätigung von allen ist, zumindest dann, wenn sie in und aus Liebe vollzogen wird.

Und statt Liebe zu generieren und sich genau damit zu beschäftigen – remember: energy flows, where attention goes! – warten sie lieber ihr Leben lang auf sechs Richtige im Lotto, damit es dann irgendwann, mit 66 oder so, endlich mal so richtig losgehen kann.

Das alles macht keinen Sinn, sondern zwingt uns nur in einen fürchterlichen, quälerischen Kreislauf, ein Hamsterrad, aus dem es kein Entrinnen gibt, weil die Menschheit sich zu Sklaven des Geldes hat machen lassen, und wer nicht mitspielt, ist zwar flugs raus, doch „keiner kommt raus aus diesem Haus, dieser Raum hat keine Tür“.

Die Erkenntnis, dass man vor der Wirklichkeit nicht weglaufen kann, sondern ein jeder von uns mit der Realität klarkommen muss, und dass man kein Aussteiger, sondern lediglich ein Obdachloser am Strand ist, kann ziemlich befreiend sein. Bis dahin aber entpuppt sich das Leben als im Arsch, in dem man sich am besten die Kugel gibt usw. usf. ...

Gerade die Sturm- und Drangzeit, dass sich Selbstfinden für ADHSler als ein mitunter sehr schwieriger, sehr langwieriger, eigentlich sogar fortwährender Lebensabschnitt, der nicht ohne Narben vorübergeht, ob metaphorisch gesehen oder tatsächliche. Wir haben nur dieses eine Leben und es ist Realbedingung, kein Training, keine Regeln, kein zweiter Versuch, kein Reset, kein 3x würfeln. Und zum Ende sind wir alle rausgeschmissen. Bis dahin habt lieber Freude und erfreut Euch an der Liebe.

Und dann kam das Coronavirus ...

Ich tippe hier mit einer Hand, die andere liegt in Gips. Bruch des 5. kleinen Fingergelenks der rechten Hand, nachdem ich (übrigens Linkshänder) mit dieser etwas – äh, hüstel – "impulskontrollenlax" gegen jenes, das heilige Lied schändende Funklochhandy einen wohl eher nicht so ausgeklügelten, dafür umso dusseligeren Verzweiflungs-Handkantenschlag zwecks Stressabbau ausführte, wonach diese anschwoll und dauerhaft Schmerz verursachte. Ein paar Tage später blieb ich dann "glumsy" – eigentlich bin ich von dieser ADHS-Ausprägung immer angenehm befreit gewesen - mit dem kleinen Finger beim gestisch (und sicherlich auch mimisch) reichhaltig unterstützten "Vollsabbeln" meiner Frau an meiner eigenen Jackentasche hängen geblieben und knack!

Da ich ein paar Tage später feststellen musste, dass es mir nicht mal mehr möglich war, eine Tüte Chips aufzuheben geschweige denn zu öffnen, bin ich "schonhaltungsgeplagt" zum Arzt gegangen und einen Monat krankgeschrieben worden, gerade rechtzeitig zu Corona.

Der liebe Gott hat es mal wieder gut mit mir gemeint ..., weiß ich meine Familie doch in Sicherheit, hier auf dem Dorfe, fernab zu vieler Menschen und schaue mit Staunen auf die plötzlich mögliche Entschleunigung der Welt. Welche bis dato für de facto undurchführbar gehaltene Selbstregulationen in dieser Gesellschaft bereits erfolgt sind! Was werden wir, nun, da die Natur uns die real existierende Möglichkeit einer sofortigen! Apokalypse vergegenwärtigt hat, daraus lernen?

Vielleicht sind wir alle Zeitzeugen einer der gewaltigsten Zäsuren unserer post-postmodernen Verstrickungen. In Form von ziemlich perfekt konstruierten Organismen, die im Prinzip nach der gleichen Strategie mit ihrem Wirt verfahren, wie der Kapitalismus mit allem und jedem, begehrt die Natur selbst nun auf, und gibt Greta Thunbergs Visionen auf gespenstische Weise Rückendeckung. In dem von uns als gnadenlos empfundenen Selektionsprozess der Natur erkennen wir unsere reale Schutzlosigkeit, verstehen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, nicht sein können, weil wir von Hybris geleitet sind.

Sie entlarvt Verstimmung durch schlechtes Netz oder die ausverkaufte Lieblingspizza, Euphorie durch neues Handy, Auto, Oberhemd, Karrierestüflein, Gerichtsurteil oder Vermögenszuwachs als von uns in den eitlen Focus gestellten Nebensächlichkeiten unserer Existenz, künstliches Substrat, aus dem wir Selbstwertsubstitute ziehen, von denen wir abhängig geworden sind, blind für unsere Selbstentfremdung.

Doch was ist gerade noch wichtig, außer Liebe und Hoffnung, Zusammenhalt und Kooperation? Wenn Bescheidenheit und Demut, der Wille zur Wahrheit und Verbindlichkeit das Denken regieren, sind abgestreift all die Fesseln, von denen wir glauben, wir bräuchten sie oder sie würden uns ausmachen. Damit könnte es jetzt endlich aus und vorbei sein! Die jetzige Entschleunigung ist eine echte, vielleicht sogar einzige und letzte Chance, dem globalen Selbstverlust zu entkommen und zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Kein Stress!

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ADHS & Urlaub

Während ich diese Zeilen tippe, befinde ich mich: im Urlaub, zwar zuhause, aber frei von morgendlichem Wecker-Diktat und allabendlicher, meist scheiternder „Schlafenszeitregulationszwangsmaßnahme“. Das ist ja schon mal die halbe Miete für ein freies, selbstbestimmtes Leben.


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Über mich

Hallo, mein Name ist Adam Beyer*. Ich bin Mitte vierzig und ich habe vor ca. 12 Jahren ADHS diagnostiziert bekommen. In diesem Blog erzähle ich über die Zeiten vor und nach der Diagnose.

Von meinem folgenden Text und den kommenden Blogtexten sind keine wie auch immer definierte „wissenschaftliche oder medizinische Darstellungen und Erklärungen“ zu erwarten, vielmehr jedoch ein aufrichtiges Bemühen um Wahrhaftigkeit. Ich schreibe, wie ich bin, wie ich fühle, wie es mir persönlich erging oder ergeht. Im Norden des Landes, im dörflichen Speckgürtel einer Kleinstadt, in der ich „meine“ berufliche Nische im sozialen Bereich gefunden habe, lebe ich als Teil eines unkonventionell gewachsenen „Patchwork-Geflechts“, meiner Familie.

* Der Name des Blog-Autors wurde zum Schutz der Person geändert.