ADHS & Partnerschaft

(An dieser Stelle sei ein kleines Vorwort in Klammern erlaubt: In den folgenden Ausführungen werden die normativen heterosexuellen Beziehungen sprachlich abgebildet ebenso im Genuss maskuline Verallgemeinerungen. Diese „klassizistische“ Verwendung der Sprachgeschlechter soll nichts und niemanden diskriminieren, sondern spiegelt lediglich die diesbezüglichen Spezifitäten meiner geschlechtlichen Existenz wider. Es gibt so viele Geschlechter, wie es Menschen gibt, dies hier ist meines.)

An der Uni sollten wir einst unsere zehn wichtigsten Werte aufschreiben, diese dann immer weiter "herunterkürzen", bis quasi unser „Hauptwert“, unser Lebensleitmotiv, übrigbliebe. Bei mir war es die „Liebe“.

Felsenfest war ich davon überzeugt, dass dies bei einem Hauptteil des Kurses auch der Fall sein würde, aber ich war der Einzige. Die meisten propagierten die Freiheit. Welche Narren! Denn es birgt die Liebe doch alle Freiheit in sich, zumindest, wenn man es richtig anstellt. Vielleicht bin ich aber auch nur ein rettungsloser Romantiker, wie man mich einst glauben machen wollte. Aber ich glaube, die Feuerprobe gibt mir Recht: Ich weiß, wie man liebt und wie es ist, geliebt zu werden. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einem die Liebe – auch wenn es nur scheinbar ist – entzogen wird. Liebesentzug ist für niemanden schön, aber für ADHSler (und einige andere Personengruppen aus dem Spektrum der idiosynkratischen Mentalstrukturen), so wage ich zu behaupten, ist dies der Super-GAU.

Totaler Ausnahmezustand bei drohendem Liebesentzug

Kommt es zu Störungen mit dem geliebten Gegenüber, sollten diese schnell, klar und friedfertig bearbeitet werden. Geht man mit unserem Vertrauen nicht gut um, kann die Beziehung mit uns die Hölle sein.
Das Limbische System, unser "Notfall-Ausnahmezustand-Alarmstufe-rot-Modus", ist voll aktiviert, ein gigantischer Hyperfokus wird in Gang gesetzt: Um das Zentrum all unseres Seins – das tatsächlich oder auch nicht bedrohte, mindestens gefühlt angegriffene Wir-Gefühl – zu retten, hat nichts, ich betone nichts anderes auch nur den Hauch irgendeiner Relevanz.

Anstrengend. Für alle! Akribisch wird jedes Steinchen umgedreht, jeder vergangene Moment durchleuchtet, jede Ist-Situation auf dem Gefahrenradar begleitet, hinterfragt und auf Ungereimtheiten hin gescannt. Und für die Zukunft werden Varianten durchgespielt, die alle "worst case Szenarien" stets im Blick haben.
Was andere als Misstrauensvotum deuten, verstehen wir als die absolute Gefahrenminimierung: Obacht, Vorsicht, Wachsamkeit, Wahrheitsfindung um jeden Preis. Ein uns ADHSlern ja nah verwandter Asperger-Kollege brachte es einst so schön auf den Punkt:
„Recht haben ist wichtiger als Freunde.“ Da hast Du wohl Recht, mein Freund!

Wenn Liebe auf Alltag trifft – Konfliktpotenzial schon für die "Normalos"

Wir aber wollen Symbiose und Intensität in unseren Liebesbeziehungen. Wir wollen die absolute Vereinigung, na ja, zumindest die größtmögliche Nähe auf Erden sollte zu unserer Erbauung und Beruhigung schon drin sein. Immerhin wollen wir für immer verlässlich Rücken an Rücken, die Schändlichkeiten der Welt abwehrend gemeinsam durchs Leben gehen. Wir wollen die stillen Stunden, großen Momente und natürlich all die galanten Höhepunkte miteinander teilen, die ein Lust und Liebe empfindendes Dasein eben so mit sich bringen. Zudem, so werden wir ermahnt, gilt es noch, den schnöden Alltag zu meistern.
Ach ja, der Alltag... Wir entpuppen uns für gewöhnlich als echte Enttäuschung in Sachen Haushaltsführung, auch wenn bzw. weil ein Großteil von uns an dieser Stelle vehement auf hygienische Heldentaten hinweist, wie z.B. das komplett in Eigenregie und ohne Aufforderung durchgeführte Ausräumen der Spülmaschine (außer dem nervigen Besteckfach) letzten April ... Und das auch noch mit einer deutlich höheren Trefferquote bzgl. der von meiner "Mistress of the Kitchen" vorgegebenen offiziellen Küchenablageplätze als im Vorjahr.
Was? Die großen Teller immer unter die Kleinen und die Tiefen auf die Flachen? Ist das nicht egal, kann man nicht einfach immer obendrauf ... nein?

Die Tücken des Alltags – nur gemeinsam bin ich stark ...

Nur langsam machen wir uns mit den kulturellen Errungenschaften unseres Habitats vertraut. Vorsichtig schielen wir in die Küche, dort steht die Liebste, todesmutig und ganz ohne Schutzkleidung, vor einer Küchenmaschine, die ähnliche tinnitus aureum und Amputation verkündende "Schnetzelhaxel-Killgeräusche" macht wie sämtliche – sei es mit Strom, Diesel oder frischem, direkt aus der Klempnerfalte geerntetem Rohrverleger-Achselschweiß betriebenen – Handwerker-Mordapparatur-Gerätschaften dieser Welt.

Aus welchem Grunde sich tagtäglich Millionen von Bürgern freiwillig diesen vermeidbaren kulturellen Gefahren aussetzen, wird uns ewig ein Rätsel bleiben. Vielleicht sind es die unheilvollen Dämpfe der unzähligen Speziallacke, die ein jedes Werkstück am Ende seiner Fertigung zur endgültigen Segnung traditionell verlangt – Weihrauch der Handwerker, Obis Opium.

Auf uns allein gestellt, schliddern wir irgendwie in einer immer wiederkehrenden Talfahrt von Sysiphos'scher Tragik von Monat zu Monat bzw., wenn es ganz kleinschrittig läuft, von Tag zu Tag. Wir kommen damit und dabei irgendwie immer ganz gut durch.
Diese Art zu leben, macht den meisten Menschen Angst. Es macht sich bezahlt, sich an dieser Stelle auf lange Sicht den Gepflogenheiten der Masse anzupassen. Bestenfalls geben wir die ganze Chose einfach ab, denn wir sind für gewöhnlich keine sparsamen Menschen – bleibt die Idee des Geldes doch jedem aufrechten ADHSler im Kerne fremd – und ein gutes Raumpflegepersonal ist an uns ganz bestimmt nicht verloren gegangen.

Fairerweise sollte man sagen, dass – und hier schließe ich tollkühn von mir auf die Allgemeinheit – die Unterschiede zwischen einem unbehandeltem ADHSler und dem mit Medikation und Bewusstsein versehenen frappant sind. Denke ich heute an „früher“ zurück, kann ich inzwischen verstehen, warum meine Partnerinnen fast wahnsinnig wurden ob des täglichen Chaos, das alle Räume erfasste und in kürzester Zeit allerlei mäandernde Stapel kultureller Artefakte wie Bücher oder modernere Medienträger, Restkleidung und Tassen, Krams und Zettelwerk über die vormals noch wohnlich-hyggelige Ebene verteilte.

Partner in den Wahnsinn treiben? Nichts leichter als das.

Allerdings ist es genau diesen Anhäufungen zu verdanken, dass eine – wir hängen wahrlich nicht an unseren Sachen – quasi immerwährende Option der Notveräußerung irgendwelcher, nach kürzester Zeit ungeliebten Dinge besteht, die zu Zeiten des Wohlstands (die ersten drei Werktage nach Geldeingang) in monetärem Größenwahn angeschafft wurden, um nun ihren Weg in die Second-Hand-Läden dieser Stadt zu finden, wo sie für einen lächerlichen Kleinstbetrag über die Ladentheke gehen.
Warum verkaufst du nicht im Internet, fragen fachfremde Freunde. Versonnen schüttle ich langsam den Kopf und antworte, dass Zeit und Nerven wichtiger seien als Geld. Anzeigen pflegen, Anfragen beantworten, Kontobewegungen im Auge haben, Pakete mit korrektem Inhalt versandfähig verpacken und zeitnah zur Post bringen, sich auf mysteriöse Abstrakta wie Porto und Nachnahme einlassen und die Ware so genannten Transportdienstleistern überlassen müssen, denen es noch nicht einmal gelingt, verlässlich Zettel in Briefkästen zu werfen, die eine Verbindung zwischen Empfänger und verpasstem Paket herstellen – all das ist mir aus vielen Gründen zutiefst suspekt.

Aufgrund solch einer, auf dem Zettel befindlichen Nummer, kann es nämlich passieren, dass man für Frau Pudel aus Rottweil gehalten wird, obwohl man gar keine Frau ist und schon gar nicht aus Rottweil, weil man da nicht wohnt. Der netten Dame von der Hotline ist's egal. Wieso ich denn den Zettel hätte, wenn ich gar nicht Frau Pudel wäre. Sie dürfe mir von daher eigentlich nicht einmal Auskunft geben, spricht sie mit verschwörerisch-belehrender Stimme, so dass die Fassungslosigkeit diesmal kurz vor der Wut durchs Ziel geht und ich den Hörer auf die Gabel donnere.
Ok, ich habe lediglich die rote Taste meines Smartphones gedrückt! Doch ein jeder weiß, wie wenig Schneid diese Geste hat, so dass mir an dieser Stelle jene kleine dramaturgische Verdichtung, mag sie auch zu Lasten der Historizität gehen, erlaubt sei (um ganz ehrlich zu sein: es gibt auch keine Frau Pudel).

Meine Frau – Zauberwesen in meiner (Paranoia)-Welt

Allerdings gibt es meine Frau. Und die kann ganz fulminant mit Internetverkaufsportalen umgehen. Sie ist auch diejenige, die die Lebensmittel im Überblick hat und alle Reparaturen erledigt. Sie liebt es, in den Baumarkt zu fahren, ich trotte ihr dann immer wie ein Alien hinterher und staune über diese mir so völlig fremde Welt der Dinge, die ich niemals brauchte.
Sie ist es auch, die meine Nerven beruhigt, wenn es in diesem "Reality-Minecraft-Giga-Shop" zu überfordernd für die sensible Seele des bescheidenen Verfassers dieser Zeilen wird. Mimik und Wortbeiträge kommen dann langsam vom Gleis der Angemessenheit ab, derweil sich Katastrophen am laufenden Band abspielen, höhere zweistellige Beträge für Produkte, deren Zweck und Namen ich nicht kenne, dazu diese ungesund schmeckende, bestimmt von giftigen Feinstoffen kontaminierte Baumarktluft und all diese komischen Ideale längst vergangener Jahrzehnte: Frisuren und Shorts-Socken-Sandalen-Ballungen, Bulldozer-artige Menschen, die mich unter ihren drahtig-buschigen Augenbrauen finster anfunkeln, weil ich in ihren "Schraubenmutterntempel" eingedrungen bin und Unmut ausstrahle.

Und da, der ganz besonders feist und feindlich aussehende Mistkerl da, hat der nicht eben ein Auge auf meine Frau geworfen? Wo ich dabei stehe???!!! Ja gibt’s denn das?!?!?!?! Ich muss hier raus, Alarmstufe Rot, Ausnahmezustand, bitte, evakuieren Sie mich schnellstmöglich aus diesem Leben!!!! Der Puls geht hoch, gebeutelt zwar und doch zum Angriffssprung bereit, tigere ich planlos durch die Gänge, um mich etwas herunterzuholen.

Doch letztendlich helfen nur noch die Zauberworte meiner besseren Hälfte, die ich – ein erster Lichtblick! – bereits an der Kasse finde, schon aus der Ferne erkennt sie meinen Zustand, eben noch eine Festung, nun ein Kartenhaus kurz vor dem Sturm, da spricht sie auch schon die Zauberformel:
Es ist gar nix los! Geh ruhig schon eine rauchen, während ich mich in diese, ja du hast recht, die Menschenwürde verletzende, unaushaltbar lange und ebenso langsame Kassenschlange stelle. Und – was? Nein, selbst, wenn er mir schöne Augen gemacht hätte, ich hätte dann natürlich ausschließlich nur Abscheu empfunden, weil ich ja nur dich liebe, meinen einzigartigen Mann. Du bist für mich das zentrale Sonnengeflecht in der Mitte des Universums, alle anderen gegen dich sind nur kleine ödgraue, traurig in ihren Ellipsen schlingernde Trabantenmonde, leblos und tot, nur kosmischer Dreck unter dem Fingernagel Gottes, dessen Lustzentrum du für mich bist, mein Göttlicher.

Na ja, oder so ähnlich. Früher als Kind war es leichter, da musste Mama nur pusten. Aber jetzt muss sich die geneigte Liebespartnerin schon was einfallen lassen, um den Staub der Welt aus dem Herzen ihres Dornenboys gepustet zu kriegen.

Liebe – (für uns) nicht nur ein Wort

Apropos: Die meisten ADHSler, die ich kennengelernt habe, sind wahrhaft treue Seelen.
OK, wenn wir jung sind, sind manche bzw. nicht wenige bzw. wohl doch einige von uns tierisch übersexualisiert und entsprechend ungehemmt in der Weltgeschichte unterwegs. (Hierzu stelle ich fest: Man kann seine Zeit mit Schlechterem verbringen.)

Wenn uns aber die Liebe berührt, wollen wir das Eine nur noch von und mit der Einen. Ich sage es laut und deutlich: So chaotisch wir auch erscheinen, so rein und authentisch und absolut klar sind wir in Liebesangelegenheiten. Zumindest vermuten wir das.

Von daher sind derlei wie oben skizzierte, über den Klee idealisierende Liebesbekundungen natürlich nicht zu viel verlangt, gilt dies, und das meine ich völlig ernst, doch umgekehrt genau so bzw. noch viel mehr.
Ohne meine Partnerin, die für mich immer die erste und letzte Instanz in allen Dingen des Lebens sein wird, das Zentrum meines sich täglich ausbreitenden Universums, Urknall aller Woll- und Lebenslust, wäre die Welt ein Trauerspiel. Ist sie zwar immer noch, aber ich bin nicht allein darin, zum Glück:
Jede Nacht schlafe ich in Liebe neben meiner Frau ein und erwache – dabei sind wir beide zumeist eng umschlungen – morgens wieder neben ihr. Ich vergegenwärtige mich ihrer Existenz, die mir gefühlt einem Wunder gleichkommt, und schon spüre ich das Glück aufsteigen in mir – und so lange dies so ist, darf die Welt sich gerne knirschend immer weiterdrehen, so lange macht die ganze Sache mit dem Existieren Sinn und Freude. Denn, wenn es glüht und warm und heilend wirkt in uns, darf man wohl sagen, dass es die Liebe ist, die uns bewegt und erdet, beflügelt und ins Weltall bis hinters Wurmloch katapultiert und uns manchmal auch ins Schwimmen, Schwanken, Straucheln und Stagnieren kommen lässt. War immer so.

Die Erziehung des Menschengeschlechts zu liebenden, empathischen Wesen mag mitunter zäh und mühsam sein, doch sie aufzugeben, hieße sich selbst aufzugeben, und das, Sie wissen es, gibt es bei uns nicht.
Dafür sind wir zu sehr Stehaufmännchen, denn wir (auch wenn wir - hüstel - manchmal einen etwas anderen Eindruck vermitteln) lieben uns selbst, wie auch das Leben, das in und um uns herum ständig im Namen der Liebe tobt, die unberechenbar und unerklärlich ist, unfassbar schön und hoffentlich unendlich:
J.B.- P.i.l.d.!