ADHS & Corona

Corona will not be our coroner – Pandemie und Anpassungsstörung / ADHS und Apokalypseempfinden

Corona ist nicht nur mitten in unser aller Leben geplatzt, es hat sich auf vielerlei Weise eingeschlichen. Erst jetzt bemerken wir, wie tiefgreifend sich die Pandemie auf viele Lebensbereiche auswirkt. Die Menschheit hat Neuland betreten. Wer hätte gedacht, dass das Internet nicht das einzige Ereignis von fundamentaler globaler Bedeutung ist, dem ich zu Lebzeiten beiwohne? Stattdessen ist unsere Spezies nun weltweit von einem Virus mit Science-Fiction-Namen befallen und keiner hat wirklich einen Plan. Es kursieren eher Wahrscheinlichkeiten als Fakten. Lachen bleibt die zweitbeste Medizin (nach der Liebe).

Angst ist kein guter Berater

Wenn wir uns nicht mehr fürchten, kann die Angst auch kein schlechter Berater mehr sein. Unsere dauerhafte Alarmbereitschaft ist legendär. Eigentlich müssten wir alle Superagenten, Spezialeinheitsmitglieder, Verhörspezialisten, Fährtenleser oder Hundetrainer sein. Stattdessen sind wir oft arbeitssuchend, in beruflicher Neuorientierung oder auf unbestimmte Zeit im gesellschaftlich quasi gewollten Dauersabbatical oder einer verordneten Lebensphase der Kontemplation und Innen- und Rück-, wenn nicht gar Vorausschau. Befinden uns also trotz (oder wegen) unserer visionären Kräfte aufgrund hanebüchen dummdreister Affekthandlungen im richterlichen Dialog mit dem Staate, der uns gern für immer oder länger in Behandlung, Therapie, Haft, Forensik oder einem Iglu an einem der Pole sähe. Wir stehen immer wieder dem Jobcenter zur Verfügung, weil wir über das zweifelhafte Talent verfügen, mit traumwandlerischer Bravour jedem weisungsbefugten Vorgesetzten, ob CEO, Teamleiter, Vorarbeiter, früher oder später auf Füße bzw. Schlips bzw. dazwischen zu treten. Das war doch eh nur eine kurze Zwischenetappe, eine mentale Pinkelpause auf der mitunter marathonlangen, für uns natürlich mit geschlossenen Augen machbaren Zielgeraden zu Ruhm und Ehre. Was dachtet Ihr denn? Gut, dass ich aus dem Laden raus bin, denen verdien ich doch nicht ihr Geld, ich arme Perle schon wieder wie von selbst vor die Schweine gekullert, denen werde ich noch was erzählen.

ADHSlers mit Sonderrechte-Joker und heroisch-kämpferischem Undercover-Gefühl

Am unschönsten wird es für die Mitmenschen des ADHSlers, wenn er in sein panisches Gehühner fällt. Überreizt von seinem kleinkariert-rechthaberischem Dazwischenfunken bis hin zu Panikmache. Für die eigene Genialität und Einzigartigkeit hat man einen göttlich verliehenen Sonderrechte-Joker, der einen von lästigen Kommunikationsvorschriften (etwa andere ausreden lassen und ihnen dabei sogar noch zuhören) entbindet. Hemmungen in der Wahl seiner Worte und deren Lautstärke sind von gestern, nachdem das Gebot zur Rücksichtnahme nur noch für andere, aber nicht für einen selbst gilt.

Ich weiß nicht, ob es ADHS ist. Dieses heroisch-kämpferische Undercover-Gefühl, hinter feindlichen Linien allein gegen alle im Kampfe gegen das Böse zu stehen. Immer auf dem Sprung, immer in Habachtstellung, selbst an so genannten ruhigen Tagen stehen wir mindestens knietief im Limbischen System und waten durch das Marschland der Wachsamkeit. Verstehen keinen Spaß und schnauzen jeden zusammen, der es wagt, unsere Kreise zu stören, wir sind schließlich on a mission.Jeder Wink von uns mit dem kleinen Finger hat mehr Auswirkungen auf die Geschicke der Welt, als sich ein normal Sterblicher vorstellen kann!

Fakt ist nämlich, dass ich mal wieder in eine Phase gekommen bin, in der es mir an Energie fehlt, ich den Alltag nicht mehr wie gewünscht bewältigt kriege, weil/weswegen ich mich dem Leben entziehe. Schaue ich zurück, erkenne ich, dass diese fatale Entwicklung parallel zu Corona geschieht. Unsere Lebensbedingungen haben sich geändert, die Auswirkungen schleichen sich gerade erst ein. Viel mehr noch als sonst gilt, dass Realitätsflucht nicht hilfreich ist. Das Ringen gegen die Realität kann man immer nur verlieren.

Gestikulieren mit „knackenden“ Folgen

Zu Anbeginn der ersten Welle brach ich mir auf eventuelle ADHS-Art den kleinen Finger. Er barst, nachdem ich ihn beim ausschweifenden Erzählen mit Händen und Füssen gegen die Schreibtischkante schlug. Zwei Tage später blieb mir beim Gestikulieren ebendiesem Finger an der Hosentasche hängen, es folgt ein unschönes Knack-Geräusch und ein bemerkenswert heftiger Dauerschmerz begleitet mich, den heldenhaften Schmerzignorierer etwa 2 Tage lang. Endlich konsultiere ich den Arzt, zack bin ich 4+2 Wochen aus dem Arbeitsverkehr gezogen und Corona erschien mir lediglich als Medienspektakel, weit weg, uns nicht betreffend.

Das änderte sich schnell spätestens, als Veranstaltungen und Termine nach und nach abgesagt wurden. Die Welt wurde Video-Chat, wir alle Protagonisten eines Sittengemäldes des traurig-heiligen Momentes, als der globalisierte Kapitalismus ins Straucheln geriet, weil er erkannte, dass Menschen ihn zum Wohle ihrer Selbst stoppen. Die Innenstädte sind leer, seit die Läden geschlossen sind. Aber deswegen ist niemand unglücklicher, eher im Gegenteil, so macht es den Eindruck.

Durch Corona: Tage der Entschleunigung, eine Art Stille

Denn es folgten bemerkenswerte Tage der Entschleunigung, eine Art Stille vor dem Schuss, Ruhe vor dem Sturm. Die Menschheit wusste nicht so recht, ob sie sich auf eine Apokalypse vorbereiten sollte oder nicht. Bei uns auf dem Dorfe war es still. Statt der üblichen 20 fuhren nur 5 Autos am Tage hindurch, Postbus nicht mitgezählt, der kam irgendwann nämlich überhaupt nicht mehr.

War mir egal. Mit Faszination nahm ich anfangs die globale Planlosigkeit wahr. Niemand konnte sich jetzt mehr darauf verlassen, dass alles bleibt, wie es war. Nun wurde den Leuten die Unwiederbringlichkeit der Vergangenheit, die Flüchtigkeit des Hier & Jetzt und die Ungewissheit aller Zukünftigkeit gewahr. Und dass wir alle gemeinsam im Hier & Jetzt leben und aufeinander angewiesen sind. Kooperation statt Kampf, Gemeinschaft statt Alleingang.

Ein Alltag im klassischen Sinne ist nicht mehr

Inzwischen sind mit der zweiten Welle die Einschläge nähergekommen, nahezu jeder war oder ist zumindest schon einmal eine Kontaktperson 1. Grades gewesen, mehr Ausfälle bei der Arbeit, mehr Ungewissheiten. Nur schleppend geht alles voran, zu wenig Energie. Masken tragen, Anstehen vorm Supermarkt, Unwohlsein beim öffentlichen Husten, leichte Panik bei jeder Erkältung. Ein Alltag im klassischen Sinne ist das alles nicht. Wir sind es gewohnt, gefühlt im permanenten Ausnahmezustand zu leben, aber nicht, wie es ist, wenn die ganze Welt tatsächlich im Ausnahmezustand ist. Wir können dann nur noch hoffen.

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Über mich

Hallo, mein Name ist Adam Beyer*. Ich bin Mitte vierzig und ich habe vor ca. 12 Jahren ADHS diagnostiziert bekommen. In diesem Blog erzähle ich über die Zeiten vor und nach der Diagnose.

Von meinem folgenden Text und den kommenden Blogtexten sind keine wie auch immer definierte „wissenschaftliche oder medizinische Darstellungen und Erklärungen“ zu erwarten, vielmehr jedoch ein aufrichtiges Bemühen um Wahrhaftigkeit. Ich schreibe, wie ich bin, wie ich fühle, wie es mir persönlich erging oder ergeht. Im Norden des Landes, im dörflichen Speckgürtel einer Kleinstadt, in der ich „meine“ berufliche Nische im sozialen Bereich gefunden habe, lebe ich als Teil eines unkonventionell gewachsenen „Patchwork-Geflechts“, meiner Familie.

* Der Name des Blog-Autors wurde zum Schutz der Person geändert.