ADHS & Akutsituationen

Nachdem wir beim letzten Mal den ADHS-spezifischen Stress als eine Art Dauerzustand kennengelernt haben, lenken wir all unser Augenmerk heute auf eine Sonderform des Stresses, die Akutsituation.

Dieser meist völlig überraschend auftretende Ad-Hoc-Stress ist leider durchaus in der Lage, sämtliche bis dato verinnerlichte Impulskontrollfertigkeiten auf seinem Home Run einfach niederzureißen.
Foul und Fair Play interessieren ihn nicht, man fühlt sich ihm hilflos ausgeliefert, bis man erkennt, dass jede Akutsituation ja Leben pur, also Realbedingung, und von daher natürlichem Ursprung ist. Zumal es unterm Strich lediglich der Lauf der Welt ist, dem manche, nein, alle Akutsituationen entsprungen sind.

Wollen wir wirklich der Erde böse sein und ihr alle Verantwortung in die Schuhe schieben, nur weil sie sich einfach immer weiterdreht, egal, was mit uns ist und welche Befindlichkeiten uns gerade lähmen? So dass wir unbeweglich werden, starr & stur, die erlebte Hilflosigkeit, kein Schwarm nimmt Vögel auf, die nicht fliegen wollen.

Das eigene Bewusstsein für Koinzidenz und unsere beinahe absolute Bedeutungslosigkeit angesichts der Unendlichkeit des Universums sollten jedoch eigentlich ausreichen, um uns zu vergegenwärtigen, dass alles Lamentieren immer nur Zeit- und Energieverlust zur Folge hat, denn Veränderung setzt nach dem Umdenken bewusst gesteuertes Handeln voraus.

ADHS – der eingebaute Schutzmechanismus

Schlechte Karten also für den motivierten ADHSler, der, lernwillig, das "Aus-der-Haut-fahren" künftig zu unterlassen, gemäß seinem Naturell eher aus dem Instinkt entscheidet, intuitiv handelt, aber selten stoisch nach Plan zu agieren vermag?

Zum Glück nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ADHSler – ob Danger Seeker oder Sicherheitsfanatiker – besonders in Berufsgruppen, in denen Improvisationsvermögen und schnelle Entscheidungen in Ausnahmesituationen verlangt werden, ihren Platz finden.

Weshalb das so ist, dafür hat der Kinderarzt Dr. Dietrich, dessen Interpretationen vom Wesen der ADHS wirklich bemerkenswert sind, in seinem Buch „ADHS – die Einsamkeit in unserer Mitte“ (Schattauer / Klett-Cotta) eventuell eine Erklärung.
Demnach sind die ADHS-spezifischen Symptome als Übermüdungserscheinungen zu sehen. Die meisten von uns kennen sicherlich die Aufgekratztheit, die leichte Überdrehtheit bei mangelndem Schlaf ebenso wie die einwattierte luzide Verträumtheit, die einen danach zu befallen vermag.

Für ADHSler sei dies ein Dauerzustand, da sie, aufgrund permanent überhöhter Hirnleistung, dauererschöpft seien. Die Mehrleistung resultiere aus dem Umstand, dass das limbische System daueraktiviert sei. Dieses springe bei der "Norm" der Menschen lediglich in bedrohlichen Ausnahme- also gefühlten Gefahrensituationen in dieser Weise an – ab da handeln wir intuitiv, das eigene Leben schützend, sind dabei völlig reizoffen, unsere Sinne scheinen uns geschärft.

ADHS – bei Gefahr wachsen wir über uns hinaus

Da wir als ADHSler uns also stetig in Bahnen dieses uns eigenen 6. Sinns bewegen und unsere Sinne trainiert und wir Reizoffenheit gewohnt sind, können wir in Ausnahmesituationen, wie z B einem Unfall, angemessener reagieren, bewahren einen kühlen Kopf und den Überblick, lösen das Problem, retten – denn so alt könnte die ganze Sache mit dem ADHS schon sein – den Stamm vor dem durchs Lager stampfenden Mammut.

Und dann brennt doch wieder die Hütte

Wir können das also, die Panik regulieren, dem "worst case scenario" mental wie auch real die Stirn bieten. Doch sobald wir selbst emotional involviert sind, scheitern wir.

Wo Selbstzweifel, Unsicherheit und Angst dinieren, geben Urvertrauen, Umsicht und Verstand die Löffel ab: Die Liebste meldet sich nicht auf die Textnachricht zurück. Ist sie etwa sauer? Ist irgendetwas passiert? Steht die Trennung bevor? Bei der Arbeit hat der Chef in der Besprechung so komisch geguckt, wurde entgegen der eigenen Einschätzung etwa doch nicht sauber abgeliefert und der Rausschmiss droht? Ist alle Welt gegen mich und mein Dasein verloren, weil die PIN vom Handy mal wieder vergessen, der Bus weg, die Jacke zu dünn und die Zeit schon zu weit fortgeschritten ist? Ist der gegen Tastatur und Mitbewohner gerichtete Zorn in Ordnung, weil das Internet nicht richtig läuft?

Derweil das kollektive Corona-Unbehagen kein Thema für uns ist, weil, war immer so, irgendwie, und man mit einer eigentümlichen Mixtur aus Risikobereitschaft und Übervorsicht, Tanz auf dem Vulkan und Kopf in den Sand vor sich hin existiert. Irgendwann ist es vielleicht vorbei, aber doch nicht so, also bitte – aber DIESER SCHEISS RECHNER, der bringt mich noch ins Grab, weil er mir bestimmt noch 'nen tödlichen Stromschlag versetzt, wenn ich ihn gleich an... die... WAND... schlage, verdammt!

Vom Glück, den Humor zu behalten und erwachsen zu werden

Wer rückblickend über manchen akuten Ausnahmezustand im permanenten Ausnahmezustand schmunzeln kann, hat Glück. Es gibt Kurzschlussreaktionen, die zu Zäsuren führen, jeder, der es schon einmal erlebt hat, so eine fatale lebensverändernde Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen zu haben, um hiernach feststellen zu müssen, so richtig schön danebengelegen zu haben, weiß, wovon ich spreche. Ob legendäre Spontankündigungen oder Atombomben ins private Leben, zumindest kann man, so genug Galgenhumor vorhanden, sagen, ich habe es ja nicht anders gewollt...

Dieser Strohhalm vermeintlicher Selbstbestimmtheit beginnt mit den Jahren, nicht mehr übers offene Meer des Lebens zu tragen. Aus dem kurzsichtigen Stolz der Unbeugsamkeit wird die traurige Erkenntnis unausgereifter Kooperationsfähigkeit – das Bewusstsein dafür, was es bedeutet, wenn eine Impulskontrollstörung das Leben lenkt und formt, hilft zu unser aller Glück jedoch ungemein, das Zepter wieder in die Hand zu nehmen und langfristigere Ziele als den von der akuten Störung ausgelösten kindlichen Wunsch nach der sofortigen Befriedigung der eigenen Bedürftigkeit brüllend erfüllt wissen zu wollen.

Einsicht ist der halbe Weg zur Besserung. Wir arbeiten dran!

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Über mich

Hallo, mein Name ist Adam Beyer*. Ich bin Mitte vierzig und ich habe vor ca. 12 Jahren ADHS diagnostiziert bekommen. In diesem Blog erzähle ich über die Zeiten vor und nach der Diagnose.

Von meinem folgenden Text und den kommenden Blogtexten sind keine wie auch immer definierte „wissenschaftliche oder medizinische Darstellungen und Erklärungen“ zu erwarten, vielmehr jedoch ein aufrichtiges Bemühen um Wahrhaftigkeit. Ich schreibe, wie ich bin, wie ich fühle, wie es mir persönlich erging oder ergeht. Im Norden des Landes, im dörflichen Speckgürtel einer Kleinstadt, in der ich „meine“ berufliche Nische im sozialen Bereich gefunden habe, lebe ich als Teil eines unkonventionell gewachsenen „Patchwork-Geflechts“, meiner Familie.

* Der Name des Blog-Autors wurde zum Schutz der Person geändert.